Wie ich ein Lifejunkie wurde – Teil 3

Written by lifejunkie
31
Mai

An diesem Tag war klar: ich muss kündigen. Es führt kein Weg daran vorbei.
Ob ich Angst davor hatte? Ja! Ich hatte verdammt nochmal richtig Schiss in der Hose!
Nicht etwa davor, arbeitslos zu sein, weniger Geld zur Verfügung zu haben oder vielleicht doch nicht meine Berufung zu finden. Nein, die meiste Angst hatte ich davor, meinen Chef von meinem Entschluss zu unterrichten. Ich wusste, dass mir immer vieles ermöglicht worden war, aber genauso wusste ich auch, dass ich nicht jemand anderem zuliebe meine Berufung (selbst wenn ich sie noch nicht gefunden hatte) verleugnen durfte. Es dauerte dennoch ungefähr 1 – 2 Wochen, bis ich tatsächlich so sicher in meinem Entschluss war, dass ich es schaffte, einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Ich war so unglaublich nervös, dass ich mich abends zuhause hinsetzte und einen Text niederschrieb, wie und warum ich kündigen würde. Und dann? Lernte ich das Ding auswendig.
Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich war so unfassbar aufgeregt, dass ich wirklich den Text in meinem Kopf mehr oder minder auswendig aufsagen konnte, weil ich Angst hatte, dass mich im persönlichen Gespräch dann doch der Mut verlassen könnte. Oder ich auf einmal vergessen könnte, was ich eigentlich sagen wollte.

Als dann drei Tage später tatsächlich das alles entscheidende Gespräch stattfand, wurde klar, dass meine Nervosität ganz umsonst gewesen war. Meine Entscheidung kam zwar sehr überraschend, wurde aber mit vollstem Verständnis aufgenommen. Ich sag’s euch, ich war SO verdammt erleichtert!
Ich verbrachte anschließend noch etwa 3 Monate in meinem alten Job, die wie im Flug vergingen. Und dann?

Dann flog ich erstmal nach Hawai’i. Das war keine Spontanaktion, sondern bereits seit Längerem so geplant. Mit der Gewissheit, nicht nach 2 Wochen wieder zurück zur Arbeit zu müssen, konnte ich meinen Aufenthalt nun sogar um eine weitere Woche verlängern. Während ich die ersten 12 Tage mit einer wunderbaren Reisegruppe verbrachte (Mahalo an Sarah), reiste ich anschließend noch einige Tage alleine. Diese Zeit war anfangs so beängstigend, aber im Endeffekt so unfassbar bereichernd für mich, wie ich es mir niemals hätte vorstellen können. Nie zuvor konnte ich so sehr wie hier begreifen, was Freiheit bedeutet. Ich wusste zwar immer noch nicht konkret, was denn nun meine Berufung sein könnte, aber ich wusste, ich war auf dem richtigen Weg. Die Zeit auf Hawai’i war so bewusstseinsverändernd für mich, dass es sich nicht in zwei Sätze packen lässt. Eventuell wird es hierzu nochmal einen separaten Blogpost geben – sofern es euch interessiert. Das Gefühl von Freiheit nahm ich jedenfalls mit nach Hause. Genau so sollte sich mein Alltag anfühlen!

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Frei.

Zurück in Deutschland hatte mich der Alltag schnell wieder. Oder das, was man zu dem Zeitpunkt eben als Alltag bezeichnen konnte.
Regelmäßig war ich aufgefordert, der Agentur für Arbeit einen Besuch abzustatten und Bericht abzulegen, wie es mit der Arbeitssuche läuft. Zur Unterstützung bot man mir „Berufswahltests“ und ein psychologisches Gespräch an. Ich nahm den Vorschlag dankend an, musste jedoch sehr bald feststellen, dass besagte Tests nicht wirklich auf die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ausgelegt waren. Der Psychologe, der sich meiner annahm, war zwar nett, aber machte eher den Eindruck, als sollte er selbst mal über eine Beratungsstunde nachdenken.

In weiteren Gesprächen mit der Arbeitsagentur sagte man mir, man verstehe zwar meinen Wunsch nach beruflicher Veränderung, aber die Aufgabe der Agentur sei letztlich die Arbeitsvermittlung. Ob man in der vermittelten Arbeitsstelle dann auch glücklich ist, das hinterfragte niemand (Ich weiß, die armen Sachbearbeiter haben auch nur ihre Quote zu erfüllen. Meine Kritik gilt eher dem System an sich!).
Es war zum verzweifeln. Warum konnte mir denn einfach keiner einen Weg zu meiner Berufung aufzeigen?

Die Menschen in meinem Umfeld fragten mich immer und immer wieder, warum ich denn nicht Richtung Fotografie gehen wollte, das würde mir doch so viel Spaß machen.
Ja, es machte Spaß. Das war der Grund gewesen, weshalb ich einige Jahre zuvor begonnen hatte, freiberuflich zu fotografieren. Im Laufe der Zeit hatte ich meinen Fokus hauptsächlich auf „Glamourshootings“ gelegt. Ich fotografierte Frauen, die ich vorher schminkte und mich des Haarstylings annahm. Die positive Resonanz und die wahnsinnig tollen Veränderungen beflügelten mich sehr. Allerdings merkte ich dabei auch zunehmend, dass es nicht der Prozess des Fotografierens war, der die Freude in mir auslöste. Viel mehr war es das „Verwandeln“ meiner Kundinnen. Außerdem wollte ich irgendwie etwas Bedeutendes für andere Menschen leisten. Länger hatte ich auch schon im Kopf, mich in die therapeutische Richtung zu entwickeln, jedoch Sorge, dass mir dann der kreative Part fehlen könnte.
Immer wieder mit dem Gedanken konfrontiert, doch hauptberuflich zu fotografieren, stellte ich dabei schließlich eines fest: ich wollte nicht mit der Fotografie meinen Lebensunterhalt beschreiten. Ich wollte Menschen verwandeln!

Dieser Gedanke fühlte sich anfangs so abstrakt an, dass ich ihn sehr sehr lange Zeit beiseite schob. Aus Fotografensicht scheint der Stellung der Visagisten oft eher „Handlangerstatus“ zuzukommen. Der Visagist arbeitet dir als Fotograf zu, damit du eine noch bessere Arbeit machen kannst. Ich weiß, dass es nicht so ist, aber irgendwo tief hinten in meinem Kopf war dieser Gedanke ziemlich fest verankert. Ich musste mir selbst erst einmal wieder bewusst machen, welch wertvolle Arbeit da mit Pinsel und Schwämmchen geleistet wird! Es dauerte ewig, bis ich mich traute (und es mir selber zugestand), den Gedanken auszusprechen. Eine Make-up-Artist-Ausbildung sollte her!

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Ein 2-tägiges Berufungsseminar mit Veit Lindau, welches ich sehr kurz darauf in Berlin besuchte, brachte noch ein bisschen mehr Gewissheit in meinen eher konfusen Plan. Ich hatte eine Vision meiner Berufung: Gesehen werden und Menschen helfen, gesehen zu werden. Menschen inspirieren.
Wieder zuhause machte ich mich supermotiviert an die Recherche. In wochenlanger Arbeit ergooglete ich mir Möglichkeiten, wie ich denn nun Make-up Artist werden könnte und welche Möglichkeiten sich anschließend boten. Die Ergebnisse waren semi-befriedigend. Es gab keine einheitlich geregelte Ausbildung, dafür aber dutzende Schulen in ganz Deutschland. Jede Schule verfolgte ihr eigenes Konzept, legte die Ausbildungsdauer selbst fest und behauptete natürlich von sich, die Beste auf ihrem Gebiet zu sein. Es war klar, dass ich so keine Entscheidung treffen konnte. Also suchte ich mir alle in Frage kommenden Schulen heraus und vereinbarte persönliche Beratungstermine.

Einige Tage lang reiste ich quer durch die Republik, um mir selbst ein Bild zu machen. Wirklich klar fiel mein Bauchgefühl anschließend nicht aus. Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte. War überhaupt irgendetwas davon das richtige? Ich holte mir nochmals Rat von Susanne ein und wurde wieder einmal überrascht. Als ich ihr von meinen Plänen erzählte, fragte sie mich, warum ich denn nicht eine Ausbildung zur Maskenbildnerin machen würde, wo ich doch auch selber Theater spielte.
Obwohl sich der Gedanke, nochmal eine 3-jährige Ausbildung zu absolvieren, im ersten Moment total abstrakt anfühlte, war es im Nachhinein sprichwörtlich als würden mir die Schuppen von den Augen fallen. Ich war monatelang mit einem riesigen Brett vor’m Kopf rumgelaufen und endlich hatte mal jemand die Nägel rausgezogen! Wieso war ich nicht eher darauf gekommen, dass es einen Beruf gab, der exakt meine Interessen vereinte? Menschen verwandeln und sie zugleich darin unterstützen, „gesehen“ zu werden. Ihnen zu helfen, sich identifizieren zu können (in dem Fall mit ihrer Theaterrolle). Und das noch dazu am Theater, wo ich ja selber auch leidenschaftlich gern auf der Bühne stand. Beziehungsweise in letzter Zeit immer mehr realisiert hatte, dass ich das Treiben hinter der Bühne mindestens genauso sehr mochte.

Die folgenden Tage verbrachte ich mit Zettel und Stift am Telefon. Ich telefonierte mit etwa 90 Theatern in ganz Deutschland, um zu erfragen, ob es Ausbildungsmöglichkeiten gibt und wie die Zugangsvoraussetzungen sind. Die Antworten waren ernüchternd. Gerade mal gute 10% der kontaktierten Theater bildeten überhaupt aus. Die Zugangsvoraussetzung lautete stets gleich: eine Friseurausbildung ist Pflicht; mindestens wünschenswert. Ich hatte aber keine Friseurausbildung. Und ich hatte auch nicht vor, eine zu absolvieren. Es musste auch irgendwie anders gehen.
Fest entschlossen, zu beweisen, dass ich auch als Nicht-Friseurin eine geeignete Kandidatin für den Platz als Azubi sein könnte, machte ich mich ans Werk. Ich fing an, Freundinnen zu schminken, zu frisieren und zu fotografieren. Kontaktierte Maskenbildner und fragte nach Empfehlungen für Bewerbungen und Einstellungstests. Ließ mich von einer Friseurin in Frisiergrundlagen anlernen. Ich hatte in der Zwischenzeit einen Übergangsjob in Teilzeit angenommen, aber die komplette restliche Hälfte der Woche verbrachte ich damit, Bewerbungen zu schreiben und mich auf potenzielle Einstellungstests und Vorstellungsgespräche vorzubereiten.
Tatsächlich erhielt ich sogar mehr als eine Einladung zu einem Auswahlverfahren! Allein das war für mich schon wie ein kleiner Ritterschlag, nachdem mir vorher nahezu jeder aus der Branche gesagt hatte, wie unglaublich schwierig es sei, ohne Friseurausbildung Maskenbildner zu werden.
Im Frühjahr vergangenen Jahres dann aber doch abermals Ernüchterung – der letzte offene Einstellungstest, auf den ich noch all meine Hoffnung gesetzt hatte, verblieb leider erfolglos. Ich sei in der engeren Auswahl gewesen, aber man habe sich letztlich doch für einen anderen Bewerber entschieden. Es war deprimierend. 9 Monate intensive Arbeit für nichts? Obwohl ich viel daraus gelernt hatte, fühlte es sich dennoch nach Versagen an.

Wo eine Tür sich schließt…

Aber wie heißt es so schön: wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich woanders eine neue. Einen Tag nach der Absage erhielt ich vollkommen unerwartet eine weitere Einladung zu einem Einstellungstest. Damit hatte ich schon längst nicht mehr gerechnet, da die meisten Auswahlverfahren bereits abgeschlossen waren. Ich konnte mein Glück kaum fassen!
Wenige Wochen später durfte ich also erneut mein Können unter Beweis stellen. Ich hatte ein gutes Gefühl, aber alle Mitstreiterinnen des Tests waren ausgebildetete Friseurinnen. Allein die Tatsache machte mich so irre, dass ich die ersten 5 Minuten nicht mehr wusste, wie ich überhaupt anfangen sollte. Eine der Mitbewerberinnen half mir am Ende sogar noch mit der ersten Aufgabe, damit ich es in der vorgegebenen Zeit schaffen konnte. Tja, dumm gelaufen, dachte ich, das war’s dann wohl. Doch die weiteren Aufgaben verliefen besser. Ich schaute mich jedes Mal unsicher um und merkte, dass ich gar nicht so sehr gegen die anderen abkackte (sorry, aber ja, genau das dachte ich), wie ich befürchtet hatte. Im Gegenteil. Ich konnte auf jeden Fall mithalten! Umso nervöser war ich, als ich einige Tage später den alles verändernden Anruf erhielt. Doch…. für den Ausbildungsplatz hatte es leider nicht gereicht.
Noch nicht. Stattdessen bot man mir an, zunächst ein Jahrespraktikum zu absolvieren, mit eventueller Aussicht auf den Ausbildungsplatz im kommenden Jahr. Ich glaube ich bin selbst darüber so ausgeflippt, als wäre es bereits mein eigentliches Ziel gewesen. Das war so eine gigantische Chance! Und was soll ich euch sagen? Während ich diese Zeilen tippe, kann ich über dieses nervenaufreibende Jahr glückselig lächeln. Ich habe eine geniale Praktikumszeit, lerne immens viel und neben mir im Regal, in einem der Ordner, tief versteckt… liegt mein Ausbildungsvertrag.

Rückblickend ist es wirklich verrückt, wie sich die Dinge gefügt haben. Ich erinnere mich, dass mal in der 9. oder 10. Klasse einer meiner Lehrer sagte, ich solle doch Maskenbildnerin werden. Manchmal muss man eben nur im richtigen Moment die Ohren offen halten. Das hätte mir zwar einiges an Nerven erspart, aber rückblickend bereue ich nicht, diesen Weg so gegangen zu sein. Ich musste erst an meinen damaligen Umständen zweifeln, um für mich selber festzulegen, was ich denn eigentlich vom Leben will: Das Leben volle Kanne leben. Jeden Tag das zu tun, was ich liebe. Ein echter „Life Junkie“ sein. Danke, liebes Leben!

Willst du auch ein Life Junkie werden? Dann bleib dran!
Deine Anni <3

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  1. Hey Anni,
    Ich bin von deinem Blog begeistert. Tolle Blogposts bis hier hin. Absolut authentisch, bei vielen Sätzen hab ich dich genau vor Augen :-).
    Weiter so!

    1. Ohh Maren, danke! Jetzt sitz ich hier mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht 🙂
      Freut mich insbesondere, dass die Posts authentisch sind, das hatte ich sehr gehofft!

  2. Hey Anni… Du ahnst gar nicht, wie mir der Kopf beim Lesen kribbelt…du beschreibst Gefühlszustände und Ideen, die ich so ähnlich habe: Die Sehnsucht, aus dem Hamsterrad rauszukommen, in das man vor wenigen Jahren doch unbedingt rein wollte…das Gefühl, auf der Stelle zu laufen…sich unglücklich zu fühlen, obwohl es eigentlich nix zu beanstanden gibt…und dann die allmähliche Rückbesinnung auf ganz alte Ideen, die man damals aus irgendwelchen „vernünftigen“ Gründen nicht verfolgt hat.
    Ich bin noch nicht so weit wie du. Ich habe noch nicht herausgefunden, welche meiner „neuen alten Ideen“ die richtige ist, und wie ich sie mit meinem jetzigen Leben vereinbaren kann, ohne alles zu verlieren was ich aufgebaut habe (oder zu sagen: Scheiß drauf, dann fang ich eben neu an). Immerhin bin ich selbstständig und habe somit eigentlich eine Menge Möglichkeiten, alles zu kombinieren, was ich mag. Aber ich bin mir noch uneinig über das „Wie“.

    Dein Blog hilft mir, gedanklich am Ball zu bleiben. Bitte schreib weiter! 🙂

    1. Liebe Regine,

      1000 Dank für so liebe Worte! Dass mein Blog dir hilft, bewegt mich sehr. Das ist insgeheim das, was ich mir von LifeJunkie auch erhofft hatte, aber du weißt ja wie das ist… Gedanken, die einem so im Kopf rumwuseln müssen noch lange nicht unbedingt in der Realität auch funktionieren.
      Wenn du selbständig arbeitest, hast du ja eigentlich ideale Voraussetzungen, „nebenbei“ aktiv an einer Umorientierung zu arbeiten. Falls es dir machbar ist, vielleicht eine halbe Stunde am Tag weniger an Aufträgen arbeiten und dafür auf deinen eigene Entwicklung konzentrieren. Ich weiß, das klingt meist einfacher, als man selbst es empfindet. Aber ohne aktiv zu werden, ändert sich leider auch nichts.
      Ich hoffe, ich kann dich auch weiterhin inspirieren, weiter in die Richtung zu denken! Ich freue mich jedenfalls drauf!

  3. Empfinde das genau so wie Maren! Muss mir beim Lesen ständig vorstellen wie ich diesen Werdegang quasi live mitbekommen habe und freue mich so sehr für dich, dass du gefunden hast was dir Spaß macht und was dich ausfüllt! 🙂 <3

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